Gastbeitrag zum Thema Filofax: Analogien

Heute mal ein Gastbeitrag von einem lieben analogen sowie digitalen Freund, der mein Projekt des Digitalen Daseins einfach mal umgedreht hat…
Den Link zu meinem Projekt findet ihr hier und den Weg zu seinem Blog Palmengarten17 findet ihr hier. Wir freuen uns auf eure Kommentare. Also, nur zu….

Analogien

So, heute also mal ein Gastbeitrag, weil das eigentlich gar nicht mein Thema ist. Aber man muss sich auch mal neuen Dingen zuwenden, oder eben auch mal alten.
“Filofaxing” ist das Stichwort. Was steckt da hinter? Der unglaublich geile Anglizismus für das deutsche Unwort “kalendern”.
Lasst den Duden ruhig stecken, das steht da nicht drin.

Es gibt Leute, die organisieren ihren Alltag mit technischen Hilfsmitteln. Das kann ein Staubsauger sein, einGehstock,Swetlana aus der Ukraine oder eben ein Kalender für die wichtigen und weniger wichtigen Termine. Das kannst Du auch hab ich mir gedacht, und weil es für die osteuropäische Haushaltshilfe nicht gereicht hat, hab ich mir einen Kalender gekauft.Naja, eigentlich war er ein Werbegeschenk, aber von vorn.
Zeitreise
Wir reisen dafür erst mal zurück ins Jahr 2001. Ich hatte grade meinen Schulabschluss gemacht und irgendwie keine Lust zum arbeiten, also gings auf die weiterführende Schule zum Abitur. So als Abiturient fühlt man sich ja schon halb wie ein Student, da muss man den komplizierteren und überaus stressigen Alltag gut organisieren, um den Überblick zu behalten.
Partys, Klausuren und natürlich die Frage, für wann man sich mit welchem Mädchen verabredet hatte, erforderten schon eine gewisse Organisation. Mein damaliges Handy war mit dem Klassiker Snake bereits am Ende der technischen Möglichkeiten, eine Kalenderfunktion hatten nur die hochpreisigen Business-Handys, mit Farbdisplay und so nem schicki-micki.
Und just zu der Zeit flatterte uns als Werbegeschenk eines Werkzeug-Großhandels ein schwarzer Ringbuchorganizer in der Größe Personal ins Haus, welchen ich also sofort an mich nahm. Unterteilt in fünf Register bot er neben dem Kalender diverse to-do-Listen, Projektplanungsvorlagen und andere Dinge, die mich den Schulalltag leichter organisieren ließen. Abgerundet wurde das Angebot durch einen Adressen-Teil, was nicht zuletzt für die Sache mit den Dates ganz praktisch war.
Das Ding machte seinen Job sehr gut, und so kaufte ich bis zum Ende meiner Ausbildung – insgesamt bis 2009 – fleißig jedes Jahr eine neue Kalendereinlage und organisierte und plante so vor mich hin.
Meist im klassischen “Eine Woche auf einer Doppelseite”-Design, darüber machte ich mir aber nie wirklich Gedanken. War halt so.
Und dann kam das Handy
Das war mittlerweile so weit, dass es das alles viel besser, schneller und schicker konnte als der olle Papierkalender, es konnte Termine selbstständig automatisch wiederholen und vor allem konnte es mich an Dinge erinnern, indem es mir so penetrant auf den Keks ging, bis ich die offenen to-do-punkte erledigt hatte. Oder zumindest dem Handy gegenüber behauptet habe, sie wären erledigt.
Papier ist ja bekanntlich geduldig, und so schlummerte die unbearbeitete to-do-liste im personal-Format meist ganz entspannt hinter dem entsprechenden Reiter im Ringbuch, wo sie von sechs kräftigen Metallhaken daran gehindert wurde, sich bemerkbar zu machen. Aus diesem Gefängnis wurde sie meist eher befreit, um neue Punkte hinzuzufügen, als dass man sie mit einer Vollzugsmeldung am oberen Ende gekürzt hätte.
Entspannter ist das schon, effektiver aber absolut nicht.
Zurück nach 2014
Nun also zurück zur Natur, back to the roots, kurz, es wird wieder analog. Wie kommts?
Schuld ist im Prinzip die Betreiberin dieses netten kleinen Analog-2.0-Blogs, die sich, wie man hier ja lesen kann, irgendwann mal dazu entschieden hat, auf das ganze Papierplanerpaket zu verzichten und alles digital zu organisieren. Könnte gut sein, dass ich an diesem Projekt nicht ganz unschuldig bin. Die junge Dame ist allerdings auch die einzige Person auf diesem Planeten, mit der ich mich quasi täglich über sein oder nicht sein eines derart profanen Alltagsgegenstandes wie nem Kalender unterhalten kann ohne dass es langweilig würde.
Und das mache ich jetzt mal andersrum, ich steige vom Hosentaschenformat meines Samsung S3 wieder um auf das personal-Ringbuch vom Werkzeughandel. Also erst mal das alte Ding heraus gesucht und aufgeräumt. Fast alles entsorgt und eine neue Kalendereinlage rein. Die Umgewöhnung fiel erstaunlich leicht, was wohl daran liegen mag, dass keine Worterkennung besser wäre als das Schreiben mit Papier und Stift. Anfangs fehlte es dafür sehr an der Übersichtlichkeit, denn im Handy gibt es ja verschiedene Arten von Terminen die man eintragen kann. Geburtstage, die automatisch bis 2099 jährlich wiederholt werden, immer in der Hoffnung, der Protagonist lebt so lange, oder zumindest länger als das Handy. Aufgaben, die man abhaken muss oder eben einfache Einträge mit und ohne Uhrzeit.
Analog sieht das etwas anders aus, vor allem aber auch deshalb, weil ich nicht so eineBasteltante bin. Ich markiere verschiedene Termine nicht in tausend Farben oder klebe bunte Post-Its auf jede Seite. Als Mann habe ich genau einen Stift, und damit schreibe ich halt oder lasse es sein. Die Lösung waren kleine Symbole vor jedem Eintrag. Einen Stern für einen Geburtstag, ein Quadrat für eine Aufgabe (zum abhaken) oder eben eine Uhrzeit für einen Termin. Da ich nicht für jeden Eintrag einen festen Tag oder Termin hätte, überzeugt die aktuelle Einlage (eine Woche auf einer Doppelseite) durch ein zusätzliches Feld “diese Woche”. Das passt mir gut, da es für viele Dinge dann doch egal ist, ob ich sie Dienstag oder Donnerstag mache. Auch die Funktion “ohnehin überfällige Termine durch einfaches Umblättern sonntags vergessen” gefällt mir prima. Da bei mir zusätzlich der praktische Nutzen deutlich überdesignertechnischen Firlefanz geht, ist durch einfaches streichen oder diverse Striche und Pfeile auch das Verschieben einesTermines kein großer Akt. Über den optischen Wert dieser Vorgehensweise mag die Nachwelt entscheiden. Was mir zu Anfang jedoch besonders fehlte, war eine gewisse Flexibilität der Übersicht. Konnte ich noch beim Handy problemlos zwischen Tag, Woche und Monat umschalten, bleibt einem in der analogen Version nur das ständige Umblättern. Aber auch hierfür gibt es eine Lösung:
Die Reiter der Apokalypse
Das aktuelle Setting ist durch einfache Reiter unterteilt; zunächst eröffnet sich dem Betrachter ein Blick auf die aktuelle Woche, wie schon erwähnt auf einer Doppelseite. Der folgen sinnigerweise die restlichen Wochen des Jahres.  Hinter dem nächsten Register wartet zunächst ein Faltblatt mit der kompletten Jahresübersicht, gefolgt von der Monat-auf-Doppelseite-Übersicht. Die aktuellen Termine finden sich hierbei im vorderen Wochenteil, die Jahresübersicht hingegen beinhaltet die Urlaubsplanung, Geburtstage und natürlich die Übersicht, wann welche Mülltonne raus muss. Für die Monatsübersicht muss ich mir noch etwas sinnvolles einfallen lassen. Aber Hauptsache, ich hab sie erst mal.
Abgerundet wird das Gesamtangebot durch Formblätter für to do listen, Projektplanungen und einfach liniertes Papier, jeweils hinter einem separaten Reiter.
Der alte Adressteil wurde abgeschafft, das geht dann doch im Handy deutlich schöner.
Wie lebt es sich so damit?
Erstaunlich einfach. Das Ding wohnt jetzt in meinerArbeitstasche und reist täglich mit mir ins Büro und wieder nach Hause. Es liegt morgens auf demFrühstückstisch, wenn ich den Tag oder die Woche plane, ist dabei wenn ich meinenEinkaufszettel schreibe, es liegt abends bei mir auf dem Sofa wenn ich spontan irgendeine Idee habe und es liegt im Büro auf dem Schreibtisch, wenn ich von dort aus einen Termin vereinbare. Klar, es kann mich nicht an Dinge erinnern und es synchronisiert sich auch nicht mit irgendwas. Dazu kommt das logistische Problem, immer noch etwas zusätzlich herumtragen zu müssen. Aber mit den unterschiedlichsten Einlagen und Reitern ist es übersichtlicher als jedeApp, ich habe Dinge schneller gefunden und auch schneller eingetragen. Vor allem, wenn man das Telefon grade am Ohr hat, den Termin zu vereinbaren, den man grade eintragen will.
Und was bleibt?
Am Ende die Erkenntnis, dass man diese Dinge alle mit dem Handy schön digital machen kann. Aber nicht muss. Im Gegenteil, in vielerlei Hinsicht wird das Papier dem Silizium auch langfristig überlegen bleiben. Der gute alte Ringbuchplaner bleibt jedenfalls jetzt in Betrieb. Neben dem Digitaldingsbums.
Veröffentlicht in 2014

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